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Sehr geehrter Herr Brockmann, ich beschäftige mich mit diesem Thema im Rahmen meiner Doktorarbeit und danke Ihnen für die erhellenden Einsichten. Ich möchte allerdings auf einen wesentlichen Aspekt hinweisen, der hier m.E. regelmäßig untergeht: Die UDV konzentriert sich, das ist klar, lediglich auf Unfälle. Das ist jedoch stark verkürzt und bringt uns in die entgegengesetzte Richtung zu dem, was sinnvoll wäre. Denn gesamtgesellschaftlich bedeutend ist allein der insgesamt entstehende Nettogewinn durch einen Umschwenk großer Teile der Bevölkerung auf das Fahrrad. Die Studienlage ist m.E. insofern eindeutig: Selbst unter Berücksichtigung typischer europäischer Unfallzahlen ist Fahrradfahren gesamtgesellschaftlich mit einem erheblichen Gewinn verbunden, vereinfacht gesagt: weil die Menschen körperlich aktiv sind und es weniger Schadstoffe sowie Lärm gibt. Dieser Gewinn äußert sich insbesondere in ersparten Gesundheitskosten. Hierum geht es, und deswegen sehe ich aus der praktischen Perspektive die Ergebnisse des UDV teils kritisch. Im Rahmen einer UDV-Studie wurde etwa auch schon mal die für Dänemark typische Hochbordgestaltung als unsicher kritisiert. Darum geht es aber nicht zentral, wenn durch diese subjektiv als deutlich sicherer empfundene Gestaltung mehr Menschen aufs Fahrrad steigen und hierdurch (1) die Gesundheitskosten wegen erhöhter körperlicher Aktivität und sinkender Luft- und Lärmverschmutzung stark fallen und (2) sich die Sicherheit für Radfahrende allein durch ihre größere Anzahl wesentlich verbessert (safety in numbers). Ich danke Ihnen wie gesagt für den auf Unfälle bezogenen Ansatz (der ja für Sie folgerichtig ist, Sie sehen es eben rein aus der Perspektive der Versicherer), der sicherlich wertvoll sein kann, allerdings insgesamt den Blick aufs Wesentliche verstellt. In Hamburg kann man beispielsweise schon jetzt sehen, dass die neuen Radwege von der Hochbordgestaltung in den Straßenraum per Trennlinie gezogen werden. Das ist eine äußerst schlechte Idee und basiert sicherlich zu einem Teil auf der UDV-Forschung, welche diese Führung als sicherer evaluiert hatte als Radwege im Seitenraum. Was aber keiner berücksichtigt: Hierdurch wird die Zahl an Radfahrenden deutlich sinken. (Relative) Unfallreduzierung deswegen eventuell ja, aber langfristige Folgen äußerst negativ. Ich würde mir wünschen, auch diese Aspekte würden im Rahmen Ihrer Forschung Berücksichtigung finden, denn sonst machen wir weiter damit, Radwege zu bauen, die zwar "objektiv" ein kleines bisschen sicherer sein mögen als ihre dänischen und niederländischen Pendants, die aber keiner benutzt. Ich weiß, dass Sie sich im obigen Blogpost auch für eine Diskussion zur subjektiven Sicherheit offen gezeigt haben. Am Ende finden aber häufig nur die objektiven Unfallergebnisse Eingang in die Studien. Diese werden dann von den verantwortlichen Personen gelesen mit dem Ergebnis: "Wussten wir doch, dass unsere Gestaltung in Deutschland mit der Führung auf der Straße am besten ist. Also einfach weiter wie bisher!"