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“ein sehr hoher Prozentsatz hat sich auch über das Maß der Regelmissachtung durch Radfahrer beklagt.” Hier ist die Frage, wie hoch war dieser Anteil genau und wer hat sich da beschwert und worüber? Als Einleitung für Ihren Argumentationsfaden scheint mir dass in dieser Form zu schwammig formuliert. “Ich meine deshalb, dass die Diskussion über Verbesserungen für den Radverkehr, die natürlich völlig zu Recht geführt wird, ergänzt werden muss durch eine Debatte über Verhaltensfragen.” Dürfen Sie versuchen, aber damit lenken Sie vom eigentlichen Problem ab. Es ist richtig, Sie werden Verkehrssünder unter den Radfahrern finden und wir alle kennen das Bild vom Fahrradkurier für den es offenbar keine rote Ampel gibt. Eine wichtige Rolle in dieser Argumentation spielt jedoch der Kontext, in denen diese Regelmissachtung von normalen Radfahrern begangen werden. Sämtliche Verkehrsdelikte, die ich als Radfahrer in Hamburg begehe haben einzig und allein die Funktion mich am Leben zu halten. Für mich ist es schlichtweg Lebensgefährlich mich im Berufsverkehr mit entnervten Autofahrern an einer roten Ampelkreuzung zu befinden. Da entferne ich mich lieber von der Kreuzung und wechsle auf einen Fahrradweg, sobald ein solcher zur Verfügung steht. Ein Paar Beispiele aus der Praxis. Auf der Palmaille in Hamburg wird man von Autofahrern angehupt, die sich bei Ihren Beschleunigungsorgien offenbar gestört fühlen. Autofahrern steht auf dieser Strasse nur der linke Fahrstreifen zur Verfügung. Die Ironie ist, dass der rechte Fahrstreifen komplett zugeparkt ist mit Autos – der Radfahrer welcher zwischen Mittelstreifen und parkenden Autos fährt hier aber als Störenfried wahrgenommen wird. Jeder Radfahrer schenkt den Autofahrern etwas mehr Raum, darum sollten sie sich über Radfahrer entsprechend freuen – je mehr es von denen gibt, umso mehr Platz gibts für das Auto zum parken. Ich fahre täglich über die Reeperbahn mit dem Rad. Einen Fahrradweg gibt es dort natürlich nicht. Hier bleibt mir angesichts des Verkehrs nichts anderes übrig als mich auf den Bürgersteig zu flüchten. Abends geht es zurück über die Simon von Utrecht Strasse und jedesmal schicke ich ein kurzes Stossgebet los wenn ich da rüber fahre, weil sich Abends die jungen Wilden mit ihren aufgemotzten Mercedes gerne mal ein Ampelrennen liefern. Auch bei normalen Feierabendverkehr bleibt diese Strasse gefährlich für Radfahrer. Geeignete alternative Routen gibt es für Radfahrer hier leider nicht. Eine weitere Sache die Autofahrer nicht verstehen. Folge ich den Verkehrsregeln als Radfahrer und fahre auf dem rechten Fahrstreifen möglichst weit rechts am Bordstein, so befinde ich mich hier auch gleich auf dem schmutzigsten Teil der Strasse, wo sich Glasscherben und sonstiger Unrat anhäufen. 2015 allein hatte ich 5 Platte zu verzeichnen, weil die Stadt Hamburg Ihre Verkehrswege nicht vernünftig reinigt. Im Gegensatz zu Autofahrern können Radfahrer Ihr Verkehrsumfeld wesentlich besser wahrnehmen. Da sie ohnehin vollkommen schutzlos sind im Falle eines Unfalles, passen Radfahrer Ihr Fahrverhalten in der Regel auch entsprechend an. In einem Auto sitze ich tief in einem schallisolierten Raum. Die Sicht ist eingeschränkt, dass Telefon und in Car Entertainment laden zur Ablenkung ein. Einmal kurz zulange aufs Gas gedrückt und der deutsche Mittelklassewagen rauscht mit 70kmh an einem vorbei. Und hier sind wir beim eigentlichen Problem. Radfahrer werden gezwungen sich den Verkehrsraum mit Autos zu teilen, und dass ist ein ungleicher Wettbewerb, wo der Radfahrer den Kürzeren zieht. Autofahrer bekommen in ihrer Komfortoase oft gar nicht mit wenn sie Radfahrer gefährden. Regelmissachtungen der Radfahrer haben für mich im Allgemeinen damit zu tun, dass es ein Ungleichgewicht gibt, wie der Strassenverkehr für Autos zugeschnitten ist und von Radfahrern nun verlangt wird in diesem für sie ungeeigneten Umfeld zurecht zu kommen. Damit legen wir Radfahrer unser Leben in das Wohlwollen der Autofahrer - und darauf will ich mich bestimmt nicht verlassen. Solange die Bedingungen für Radfahrer in Städten derartig unausgewogen sind, bleibt die fahrradfreundliche Auslegung existierender Verkehrsregeln eine Form der berechtigten Selbsterhaltung für den Radfahrer.