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Beim Blick in Unfallstatistiken sollte man zwei Punkte im Auge behalten: Erstens gibt es Unterschiede zwischen Fahrern mit und ohne Helm, die sich auf das Unfallgeschehen und die Unfallwahrscheinlichkeit auswirken können. Ein älteres Beispiel dafür ist online zu finden unter http://www.iimdonline.com/cjeb/admin/pdf/1297153970.pdf. G.B. Rogers hat zu dem Punkt Telefonumfragen in den USA gemacht ("Bicycle helmet use patterns in the United States", Accid Anal Prev. 1995 Feb;27(1):43-56., es gibt auch noch weiteres von ihm dazu). Zweitens sollte man sowieso nicht "Helm" und "kein Helm" in aufgezeichneten Unfällen vergleichen, ohne einen Blick auf die tatsächlichen Anteile von Helmträgern in den jeweils relevanten Unfallsituationen zu werfen. Fahrleistungen werden in Stunden oder Kilometern gemessen, nicht in Unfällen, deswegen kann man sinnvolle Aussagen nur treffen, wenn man auch die Verletzungsmuster darauf bezieht. Leider sind mir abgesehen von den oft herumgereichten Zahlen aus Australien keine Daten zu dem Thema bekannt (kein Wunder, sind ja auch "etwas" aufwendiger und teurer als die Auswertung von Krankenakten oder die Abfrage von Unfalldatenbanken). Bei einer Helm-PFLICHT sehe ich - abgesehen von rechtlichen Fragen - noch recht hohe ethische Hürden. Dafür reicht mir nicht, dass ein Helm x% der Verletzungen verhindert oder weniger schwer macht, und auch nicht, dass das auf Kilometer oder Stunden bezogene Risiko schwerer oder tödlicher Verletzungen reduziert wird. Da muss die Wirkung auf die Gesundheit inklusive mittelbarer Folgen deutlich positiv sein. Zu diskutieren wären auch mittelbare Auswirkungen auf die Umwelt und Gesellschaft (Verlagerung von Verkehr vom Fahrrad zum Auto? zum Motorrad? zum ÖPNV? oder doch zu 45km/h-Pedelecs?), und zwar unter Ausschluss von Lobbyverbänden und Sponsoren. Persönlich bin ich der Meinung, dass eine isolierte Diskussion über Helme unsinnig ist, unter politisch Verantwortlichen eigentlich schon grob fahrlässig. Zuerst sollte an der Unfallvermeidung gearbeitet werden, und erst wenn da nichts zu holen ist, an der Linderung der Folgen. Zumindest in München, Regensburg und Berlin ist da aber an etwa jeder zweiten Kreuzung noch Verbesserungspotential. In München betrifft das auch zwischen den Kreuzungen 3/4 der Radwege, die ich regelmäßig benutzen muss, und angesichts der realen Fahrbahnausnutzung durch Kfz frage ich mich bei einigen davon, warum man die nicht einfach auf die Fahrbahn verlegt. Angesichts der Unfallzahlen frage ich mich auch, warum nicht mit ähnlicher Intensität über Autofahrer- oder Fußgängerhelme debattiert wird. Mit freundlichen Grüßen, Stefan Barnikow