Blaue Wildwarnreflektoren unwirksam

Zur Vermeidung von Wildunfällen werden seit einigen Jahren vermehrt blaue Wildwarnreflektoren am Fahrbahnrand angebracht. Eine neue umfangreiche Studie zeigt jetzt jedoch, dass auch diese Reflektoren nicht dazu geeignet sind das Verhalten der Wildtiere oder das Wildunfallgeschehen signifikant zu beeinflussen.

In einer von der Unfallforschung der Versicherer (UDV) bereits 2007 publizierten Untersuchung zur Wirksamkeit von weißen, roten und akustischen Reflektoren konnte seinerzeit keine Wirkung gegen Unfälle mit Wildbeteiligung nachgewiesen werden. In den letzten Jahren vermehrten sich jedoch Aussagen in der Fachwelt über einen positiven Einfluss blauer Reflektoren. Allerdings fehlte bislang der wissenschaftliche Beleg dafür. Deshalb hat die UDV eine neue Studie konzipiert und finanziert, die durch die Georg-August-Universität Göttingen in Kooperation mit der Universität Zürich durchgeführt wurde. Die zu klärende zentrale Frage war, ob das Anbringen von blauen Reflektoren die Anzahl der Wildunfälle nachhaltig und wirksam reduzieren kann.

Die Studie ist die erste prospektiv geplante und randomisierte Studie im Cross-Over-Design, welche zur Prüfung der Wirksamkeit von Wildwarnreflektoren geplant, durchgeführt und analysiert wurde. Spezifisch ist bei diesem Design, dass auf jedem der untersuchten Straßenabschnitte das Wildunfallaufkommen sowohl mit angebrachten Wildwarnreflektoren als auch ohne Wildwarnreflektoren erhoben wird. Dadurch war es möglich, den Einfluss externer Faktoren auf das Wildunfallgeschehen zu eliminieren und zielgerichtet den kausalen Effekt der Wildwarnreflektoren zu bewerten. Für die Durchführung der Studie wurden 151 Straßenabschnitte von je ca. 2 km Länge aus vier Landkreisen in drei Bundesländern ausgewählt, um auch mögliche regional spezifische Besonderheiten beim Umgang mit Wildunfällen auszugleichen.

Untersucht wurde die Wirksamkeit von drei gängigen, auf dem Markt befindlichen blauen Wildwarnreflektoren, ein hellblauer, ein dunkelblauer und ein mehrfarbiger. Für jeden der drei Reflektortypen wurden jeweils zwei Jahre lang 50 Test- und Kontrollstrecken untersucht.

Die statistische Analyse der Studie beruhte auf einem dem Studiendesign angepassten Poisson-Mischmodell für die Schätzung der relativen Veränderung der erwarteten Anzahl von Wildunfällen pro Straßenkilometer (Wildunfalldichte). Zusätzlich wurden weitere Parameter, die Einfluss auf das Zustandekommen von Wildunfällen haben können, erfasst und hinsichtlich ihrer statistischen Signifikanz geprüft. Darüber hinaus wurden Wärmebildkameras an ausgewählten Straßenabschnitten angebracht, um vor allem das Querungsverhalten von Wildtieren an Straßen mit und ohne Wildwarnreflektoren zu untersuchen.

Die Studie kommt auf Basis der eingesetzten drei unterschiedlichen blauen Wildwarnreflektoren zu folgenden Ergebnissen:

  • Die Entwicklung des Unfallgeschehens im Untersuchungszeitraum ist sehr heterogen; auf manchen Strecken gab es mehr, auf anderen weniger Unfälle.

  • Eine Reduzierung der Wildunfälle nach Anbringung der untersuchten Wildwarnreflektoren auf allen Untersuchungsstrecken war weder erkennbar noch statistisch nachweisbar. Dies gilt auch für den jeweils betrachteten Reflektortyp.

  • Eine Veränderung des Verhaltens der Wildtiere lässt sich nicht erkennen.

  • Die internationalen Forschungsergebnisse sind sehr verschieden und lassen keine allgemeine Aussage zur Wirksamkeit der Reflektoren zu.

Die vorliegenden Befunde zeigen, dass Wildwarnreflektoren kein geeignetes Mittel darstellen, um Wildunfälle wirksam zu reduzieren.

Um die Zahl der Wildunfälle reduzieren zu können, müssen demnach andere Maßnahmen ergriffen werden. Die beste Wirksamkeit zur Verhinderung von Wildunfällen wird wohl weiterhin die physische Trennung von Wild und Kraftfahrzeugen sein, wie auf Autobahnen üblich. Dazu gehören z.B. Wildschutzzäune in Verbindung mit Grünbrücken. Aber auch die Sicherung von Wildquerungen (Länge bis etwa 200 m abhängig von Wildart, Tierverhalten und Lebensraum) durch elektronische Wildwarnanzeigen ist denkbar.

Fahrzeugseitig könnte die Weiterentwicklung von Wildwarnsystemen, die Fahrer rechtzeitig auch bei Dunkelheit auf Wildtiere auf oder an der Fahrbahn aufmerksam machen und so zu einer rechtzeitigen Geschwindigkeitsanpassung beitragen oder sogar zum Halten des Fahrzeugs führen können.