Mindestens 7.000 Schwerstverletzte pro Jahr – Gezielte Maßnahmen erforderlich

Unfallforscher fordern seit geraumer Zeit, dass neben den Getöteten auch die Schwerstverletzten statistisch erfasst und einer gesonderten Betrachtung unterzogen werden müssen. Die amtliche Statistik kennt neben Leichtverletzten jedoch nur „Schwerverletzte“. Diese Kategorie ist nur bedingt aussagekräftig, da die Kriterien dafür schon erfüllt sind, wenn der Verletzte für 24 Stunden stationär in einem Krankenhaus aufgenommen wird. Die Unfallforschung der Versicherer (UDV) hat daher eine Definition auf Basis des sogenannten ISS (Injury Severity Score) erarbeitet und schlägt diese zur Nutzung für die Statistik in Deutschland vor.

Im Rahmen einer 14-monatigen Studie in einer Region in Süddeutschland hat die UDV in Zusammenarbeit mit Polizei, Feuerwehren, Rettungsleitstellen und Kliniken alle im Straßenverkehr Verunglückten, die nach der neuen Definition „Schwerstverletzte“ sind, erhoben und sowohl ihre Verletzungen als auch ihre Unfallumstände untersucht. Durch Hochrechnung dieser Region auf das Bundesgebiet ist nun eine verlässlichere Aussage über die Zahl der Personen mit diesen schwersten Verletzungen möglich: Sie liegt mit rund 7.000 deutlich über der Zahl der Getöteten.

In Bezug auf die Verletzungsarten kam die Studie bezogen auf die Art der Verkehrsbeteiligung zu folgenden Ergebnissen:

Motorradfahrer weisen unter allen Verkehrsteilnehmern die höchste Verletzungsschwere auf.

Empfehlung der UDV: Motorradfahrer müssen sich ihres Risikos mehr bewusst werden und entsprechend fahren.  Sicherheitstrainings – auch im realen Straßenverkehr – sollten von allen Motorradfahrern genutzt werden. Landstraßenunfälle an Kreuzungen könnten durch separate Linksabbiegephasen der Ampeln vermindert werden.

Fußgänger  erlitten vor allem beim Kopfanprall am Scheibenrand des Autos schwere Schädel-Hirn-Verletzungen. Werden Fußgänger überrollt, haben sie kaum Überlebenschancen.

Empfehlung der UDV: Weiterentwicklung der Fahrerassistenzsysteme und der passiven Schutzeinrichten am Pkw.

Fahrradfahrer werden oft schwerst verletzt, auch bei Stürzen ohne Fremdeinwirkung. Dabei fällt auf, dass das Alter der Verunglückten unter den Schwerstverletzten überdurchschnittlich hoch ist. Die Tragequote des Fahrradhelms ist gering, der Anteil der Schädel-Hirn-Verletzungen dadurch hoch.

Empfehlung der UDV: Zur Vermeidung von Kopfverletzungen sollten auch Erwachsene immer einen Fahrradhelm tragen. Die Fahrerassistenzsysteme sollten künftig auch Konflikte mit Radfahrern erkennen und entschärfen können.

Insassen von Pkw waren sowohl unter den überlebenden als auch den getöteten Verkehrsteilnehmern zahlenmäßig die größte Gruppe. Frauen zählten dabei fast genauso häufig zu den schwerstverletzten Unfallopfern wie Männer. Dagegen beträgt der Anteil  von Frauen unter schwerverletzten Pkw-Insassen in der amtlichen Statistik nur etwa 45 Prozent, unter den Getöteten sogar nur 30 Prozent. Die Vermutung der Unfallforscher: Die Ergonomie und der Insassenschutz - vor allem in Kleinwagen - werden kleinen Personen nicht gerecht.

Empfehlung der UDV: Kleine Pkw-Insassen müssen bei der Sicherheit von Fahrzeugen mehr berücksichtigt werden.

Der Frontalaufprall stellt trotz Gurt und Airbag in Gegenverkehrskollisionen oder beim Baumanprall immer noch die häufigste Ursache für schwerste Verletzungen dar. Ein hohes Verletzungsrisiko birgt aber auch der seitliche Anprall gegen Bäume nach Schleudern. Insassen, die keinen Gurt trugen, wurden besonders häufig bei Fahrzeugüberschlägen schwerst oder tödlich verletzt, weil sie aus dem Fahrzeug geschleudert wurden.

Empfehlung der UDV: Neben der Forderung nach serienmäßigem ESP für alle Autos, um das Schleudern zu verhindern, sollten alle Autos auch mit seitlichen Vorhangairbags ausgerüstet sein.