Unfallgefährdung von Rücksitzinsassen

Pro Jahr sterben bei Verkehrsunfällen in Deutschland rund 130 Insassen auf den Rücksitzen von Pkw, 2.800 werden dort schwer verletzt. In einem mehrjährigen Forschungsprojekt ist die Unfallforschung der Versicherer (UDV) der Frage nachgegangen, ob die Mitfahrer auf den Pkw-Rücksitzen genauso sicher unterwegs sind wie Fahrer und Beifahrer?

Die Unfallanalysen zeigten, dass die Fondinsassen in den vergangenen Jahren nur in geringem Maße von den Verbesserungen der passiven Sicherheit profitiert haben. Im Rahmen des Forschungsprojekts wurden Unfalldaten ausgewertet und eine Feldstudie zu Sitzgewohnheiten und Einstellungen von Rücksitzinsassen durchgeführt. Darüber hinaus wurde in einer Vielzahl numerischer Simulationen die Wirksamkeit verschiedener Schutzsysteme verglichen.

Ergebnisse der Unfallanalyse:

• 10 Prozent aller verunglückten und verletzten Pkw-Insassen saßen hinten.
• Zwar waren rund 96 Prozent der Fondinsassen angeschnallt, von den schwerverletzten waren aber 27 Prozent, also mehr als jeder Vierte, ungesichert.
• Ein Vergleich der Verletzungsschwere zwischen Rücksitz- und Frontinsassen, die in ein und demselben Fahrzeug verunglückten zeigte, dass die Verletzungen auf den Rücksitzen in rund 70 Prozent gleich schwer wie vorne ausfallen, in knapp 20 Prozent jedoch schwerer als auf den Vordersitzen.

Ergebnisse der Feldstudie:
• Mehr als 75 Prozent der Befragten fühlen sich auf den Rücksitzen genauso sicher und sogar sicherer als auf den vorderen Sitzplätzen.
• Zwar geben die meisten Mitfahrer an, hinten in einer geraden, aufrechten Position zu sitzen, in fast 28 Prozent der Fälle wird jedoch auch zugegeben, nach vorne gebeugt, zur Seite geneigt oder leicht verdreht zu sitzen.
• Aufgrund von Komfortproblemen mit dem Sicherheitsgurt, z. B. durch das Reiben des Gurtes am Hals, kommt es zu häufigem Fehlgebrauch des Gurtes. So wird der Gurt beispielsweise über den oder unter dem Oberarm geführt oder vom Hals weggehalten. Aus diesen Komfortproblemen entsteht somit ein Sicherheitsproblem.

Ergebnisse der Simulationen:
• Die derzeitigen 3-Punkt-Automatik-Gurte schützen Rücksitz-Insassen bei schweren Unfällen nicht ausreichend.
• Gurtstraffer und Gurtkraftbegrenzer, die auf den Vordersitzen heute Standard sind, führen auch auf den Rücksitzen zu deutlich geringeren Belastungswerten.
• Rücksitz-Airbags können den Kopfkontakt mit dem Vordersitz verhindern und sorgen für niedrige Belastungswerte am Kopf und an der Halswirbelsäule. Dies gilt allerdings nur bei angelegtem Gurt.
• Der „klassische“ Dummy ist nicht in der Lage, alle verletzungsrelevanten Belastungen zu messen. Hier besteht weiterer Forschungsbedarf.

Darüber hinaus zeigten Crashversuche, dass Sitzpositionen, die von der empfohlenen Sitzhaltung und Nutzung des Gurtsystems abweichen, zu hohen Verletzungsrisiken der Fondinsassen führen können und dass ein nicht angeschnallter Rücksitzinsasse zur tödlichen Gefahr für Fahrer oder Beifahrer werden kann.

Fazit:

Der Sicherheitsgurt ist Grundvoraussetzung für wirksamen Schutz auf der Rückbank. Deshalb sollte

• die Angurtquote weiter erhöht werden – akustische und optische Gurterinnerer können dabei sinnvoll sein,
• allen Rücksitzinsassen optimaler Schutz durch das Gurtsystem gewährt werden (beispielsweise durch Gurtstraffer in Verbindung mit Gurtkraftbegrenzern).

Der Mitfahrer auf der Rückbank sollte

• sich immer angurten,
• einen optimalen Gurtverlauf am Körper sicherstellen,
• eine gerade und aufrechte Sitzposition einnehmen,
• sich nicht aus dem Gurt herausdrehen,
• sich nicht zu weit nach vorne beugen,
• den Gurt nicht unter dem Arm oder über dem Oberarm verlaufen lassen.

Die Autoindustrie sollte

• für alle Fahrzeuginsassen ein gleiches, hohes Sicherheitsniveau bereitstellen,
• Gurtstraffer und Gurtkraftbegrenzer oder in ihrer Wirkung ähnliche Systeme auf den Rücksitzen serienmäßig anbieten,
• Gurterinnerer für die Rücksitze serienmäßig verbauen,
• alternative technische Zusatzmaßnahmen (z.B. Rücksitz-Airbags) in Erwägung ziehen.