„Shared Space“ in der kommunalen Praxis

01.03.2011

Der ADAC und die Unfallforschung der Versicherer (UDV) haben am 01. März 2011 die Fachveranstaltung zu „Verkehrsberuhigung in Geschäftsstraßen – Shared Space in der kommunalen Praxis“ durchgeführt, um die Diskussion über den Planungsprozess „Shared Space“ anhand aktueller Forschungsergebnisse und Praxiserfahrungen zu versachlichen. Dabei wurden auch Fragen der Verkehrssicherheit und der Akzeptanz erörtert.

In mehreren europäischen Ländern, verstärkt auch in Deutschland, werden seit einigen Jahren neue Verkehrskonzepte erprobt, die in zentralen städtischen Bereichen zu einer höheren Aufenthaltsqualität beitragen sollen. Entsprechende Ansätze, die international unter der Überschrift „Shared Space“ oder „Begegnungszone“ firmieren, sind nicht unumstritten. Sie sind oftmals mit Beeinträchtigungen des motorisierten Verkehrs verbunden und werfen Verkehrssicherheitsfragen – insbesondere für Kinder, Ältere und mobilitätseingeschränkte Personen – auf. Zudem kann der Wegfall der Parkgelegenheiten beim Handel für Nachteile sorgen.

Rund 150 Entscheidungsträger aus der kommunalen Verwaltung, Politik und den Verbänden, Stadt- und Verkehrsplaner sowie Fachjournalisten waren nach Frankfurt/Main gekommen, um von renommierten Referenten aus Forschung und Praxis Antworten zu bekommen, wann und unter welchen Voraussetzungen solche Konzepte geeignet sind, die Attraktivität unserer Städte zu erhöhen. Zudem berichteten kommunale Experten über ihre Erfahrungen mit der Umsetzung in Modellstädten.

Die Fachveranstaltung, moderiert von Ulla Müller, Bayerischer Rundfunk, begann nach einer Begrüßung durch Johann Nowicki vom ADAC und Siegfried Brockmann, Leiter der UDV, mit einer Übersicht über unterschiedliche Ansätze zur Verkehrsberuhigung gestern, heute und morgen durch Professor Hartmut Topp von der TU Kaiserslautern. Topp plädierte in seinem Fazit für eine Veränderung der Mobilitätskultur und mehr gegenseitige Rücksichtnahme. Der richtigen Gestaltung der Infrastruktur kommt dabei eine wesentliche Bedeutung zu.

Jörg Ortlepp, Fachbereichsleiter Verkehrsinfrastruktur der UDV wies in seinem Vortrag auf die möglichen Gefahren hin, die insbesondere bei einer schlecht gestalteten Umsetzung zu erwarten sind. Shared Space ist kein Allheilmittel für alle Verkehrsprobleme, kann nicht überall angewendet werden und ist insbesondere kein Lösungsansatz zur Verbesserung der Verkehrssicherheit. Shared Space kann aber, mit Augenmaß angewendet und unter Beachtung bestimmter Randbedingungen und Gestaltungskriterien durchaus zur Verbesserung der Aufenthaltsqualität von Straßen beitragen, ohne die Sicherheit zu vernachlässigen.

Ronald Winkler vom ADAC konnte in seinem Referat anhand von Ergebnissen einer Befragung unter Verkehrsteilnehmern und Anwohnern nachweisen, dass Shared Space weitgehend akzeptiert und als Aufwertung des Straßenraums empfunden wird. Insbesondere Radfahrer, Kinder und Jugendliche bewerten jedoch die verkehrlichen Situationen als kritisch.

Professor Willem Foorthuis vom Shared Space Institut aus Drachten/NL, den „Erfindern“ von Shared Space, beschrieb die Vorzüge von Shared Space. Er betonte insbesondere die Notwendigkeit, den Verkehrsteilnehmern mehr Eigenverantwortung zu übertragen und durch die Umgestaltung von Straßenräumen dazu beizutragen, dass jeder Verkehrsteilnehmer weiß, wie er sich zu verhalten hat – und zwar ohne den Einsatz zusätzlicher und vielfach überflüssiger Beschilderung. Seine Aussage, dass leichte Unfälle zum Lerneffekt dazu gehören und die Verkehrsteilnehmer vorsichtiger werden lassen, war jedoch nicht unumstritten.

Dr.-Ing. Reinhold Baier, BSV Aachen, stellte die neuen „Hinweise zu Straßenräumen mit besonderem Überquerungsbedarf – Anwendungsmöglichkeiten des "Shared Space"-Gedankens“ vor, die die Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrstechnik, im Februar veröffentlicht hat. Hier werden Hilfen für Praktiker gegeben, wann, wo und wie Shared Space eingesetzt werden kann. Baier betonte, dass das Mischungsverhältnis von relativ vielen Fußgängern und Radfahrern und einem moderaten Kraftfahrzeugverkehr ein wesentliches Einsatzkriterium darstellt. Zudem sei der Ansatz insbesondere für Platzsituationen geeignet und weniger für die linienhafte Anwendung.

Wie in umgestalteten Bereichen auf die Belange von mobilitätseingeschränkten Menschen eingegangen werden kann, beschrieb Dr. Dirk Boenke von der Studiengesellschaft für unterirdische Verkehrsanlagen in seinem Vortrag. Er sensibilisierte die Anwesenden unter anderem für die spezifischen Anforderungen die Blinde, Sehbehinderte und Gehbehinderte an den Straßenraum haben. Wesentliche Gestaltungselemente sind taktil erfassbare sowie kontrastierende Führungs- und Aufmerksamkeitselemente die Blinden und Sehbehinderten eine eigenständige Mobilität ermöglichen.

Wie Shared Space sich auf das Verkehrsverhalten auswirkt, erläuterte Professor Bernhard Schlag von der Technischen Universität Dresden. Insbesondere stellte er Ergebnisse einer Simulatorstudie vor, bei der das Verkehrsverhalten in unterschiedlich gestalteten Straßenräumen eines Shared Space-Bereichs und einer Begegnungszone verglichen wurde. Im Ergebnis schnitt Shared Space dabei sowohl hinsichtlich des subjektiven Sicherheitsgefühls als auch der gefahrenen Geschwindigkeiten deutlich schlechter ab, als die Begegnungszone.

Neben diesen eher wissenschaftlich-theoretischen Vorträgen berichteten Vertreter von Kommunen über ihre ganz praktischen Erfahrungen mit der Umsetzung von Shared Space Projekten.

Bürgermeister Klaus Goedejohann aus der Gemeinde Bohmte beschrieb den Werdegang von Deutschlands einzigem „echten“ Shared Space. Die Umgestaltung der Ortsdurchfahrt wurde im Rahmen des EU-Projektes zu Shared Space gefördert. Das Projekt wird als Erfolg angesehen, da die Anwohner die neue Gestaltung als wesentliche Verbesserung ansehen, auch wenn sich hier mittlerweile mehr Unfälle ereignen als in den Jahren vor der Umgestaltung.

„Simply City“ ist ein Modellprojekt aus NRW, das unter anderem in Mülheim an der Ruhr umgesetzt wird. Roland Jansen, Verkehrsplanung Stadt Mülheim an der Ruhr, erläuterte, dass es hierbei nicht in erster Linie um den kostenintensiven Umbau geht, so wie er in der Regel bei den Shared Space Projekten erforderlich ist. Vielmehr wird bei Simply City versucht, den Straßenraum aufzuräumen, überflüssige Verkehrszeichen und unnötige Möblierung zu entfernen. Ziel ist es, nicht nur Platz für Aufenthalt zu schaffen sondern auch zu einer Vereinfachung und besseren Begreifbarkeit der Verkehrsregelung beizutragen.

Joachim Bielefeld, Straßenverkehrsamt Stadt Frankfurt a.M., zeigte an einem Beispiel aus Niedererlenbach, wie hier mit einfachsten Mitteln eine schwach belastete Ortsdurchfahrt von überflüssigen Verkehrszeichen (hauptsächlich Park- und Haltverbot) befreit und damit zu einer Art Shared Space Bereich wurde. Allerdings wird die derzeitige Regelung von einigen Anwohnern vehement abgelehnt und sie fordern die Wiederaufstellung der Verkehrszeichen.

Wilhelm Wagner, Tiefbauamt Erding, stellte die Umgestaltung des zentralen Innenstadtbereiches vor, bei dem viel Aufenthaltsfläche und Bewegungsfläche für Fußgänger geschaffen wurde. Die Umgestaltung hat nicht nur zu einer deutlichen Reduktion der Verkehrsbelastung sondern auch zu einer Wiederbelebung dieses Bereiches beigetragen.

Die fachliche Information von den Grundsätzen von Shared Space über die Auswirkungen auf die Verkehrssicherheit und das Verkehrsverhalten bis hin zur Darstellung praktischer Umsetzungsbeispiele stellten zwar im Detail durchaus unterschiedliche Standpunkte und Sichtweisen dar. Gemeinsames Fazit ist aber:

„Shared Space“ ist schon aufgrund der hohen Umbaukosten kein Allheilmittel gegen schlecht gestaltete Straßenräume und kann daher nur eine Nischenlösung darstellen. Vor allem auf Straßen mit Sicherheitsproblemen, hohen Verkehrsbelastungen oder Parkdruck bedarf es stets einer besonders kritischen Betrachtung der Situation vor Ort. „Shared Space“ kann auch nur dann funktionieren, wenn es den Planern gelingt, einen breiten Konsens in der kommunalen Politik, Verwaltung und Bevölkerung herzustellen.