Crashtest: Abbiegender Pkw gegen Fahrrad

 

Ausgangspunkt der Crashversuche waren die Erkenntnisse eines Forschungsprojektes bei denen deutlich wurde, dass die Kollision eines rechtsabbiegenden Pkw mit geradeausfahrenden Radfahrern sehr häufig ist, meist zu schweren Verletzungen des Radfahrers führt und von typischen Unfallmustern geprägt ist.

Ziel des Crashversuches war es, eine typische innerörtliche Abbiegesituation eines Pkws und die darauf folgende Kollision mit einem geradeausfahrenden Radfahrer nachzustellen. Mit Hilfe dieses Versuchsaufbaus ist es möglich, den typischen Versuchsablauf zu analysieren und Belastungsgrößen am Dummy zu ermitteln, die dann auf mögliche Verletzungsfolgen schließen lassen.

Dabei bestand die Herausforderung des Versuchsaufbaus in der Simulation eines typischen Abbiegevorganges des Pkw. Die typische Zwangsführung des Pkw auf einer Geraden, wie auf einer Crashbahn üblich, schied damit aus. Vielmehr wurde der Pkw durch einen trainierten Fahrer auf einer vorher festgelegten Trajektorie bewegt. Über eine Seilkonstruktion zog der Pkw das sich anfangs parallel bewegende Fahrrad. Dabei wurde das Fahrrad mit dem Dummy auf einem speziell angefertigten Schlitten gehalten und löste sich kurz vor dem festgelegten Kollisionspunkt, um frei fahrend mit dem sich nähernden Pkw zu kollidieren. Die Seilkonstruktion war so ausgelegt, dass beide Fahrzeuge mit gleicher Geschwindigkeit fuhren.

Die Kollisionsgeschwindigkeit im Versuch betrug 23,6 km/h. Der Anstoßwinkel zwischen Pkw und Fahrrad betrug 48°. Der Abstand beider Fahrzeuge bei Parallelfahrt zu Beginn des Versuches lag bei etwa drei Metern und bildete damit den typischen Abstand zwischen Radweg und Fahrbahn ab. Beim Pkw handelte es sich um einen Ford Focus des Baujahres 2001. Das Fahrrad war ein Herren-Trekkingrad. Die gesamte Crashmasse betrug 100 kg. Der Pkw hatte eine Masse von 1.413 kg. Zur Abbildung des Radfahrers wurde ein Dummy des Typs Hybrid III 50% male verwendet. Er war instrumentiert und hatte ein Gewicht von 80 kg. Er war bekleidet mit einem T-Shirt, einer Jeans und Turnschuhen.

Die Auswertung der Messwerte am Dummy zeigte, dass bei dieser gewählten Anstoßkonstellation, schwerste oder gar tödliche Verletzungen im Kopf- und Halsbereich die Folgen für einen Radfahrer gewesen wären. Der gemessene HPC-Wert lag 3.502 und überschritt damit den Grenzwert von 1.000 nach ECE-R94 deutlich. Die Halsbelastung überschritten die Grenzwerte für die axiale Nackenzugkraft FZ bei 0 ms und dem Nackenbeugemoment MBY deutlich. Dabei betrug die axiale Nackenzugkraft 6,79 kN und das Nackenbeugemoment 72,75 Nm. Es zeigte sich also, dass der Aufprall des Dummys mit dem Kopf voran auf die Fahrbahn schwerste, ja sogar, tödliche Verletzungen erzeugen kann.

Dabei ist interessant, dass bei dieser Konstellation nicht immer mit einem Aufprall des Radfahrers auf die Fahrzeugfront zu rechnen ist, sondern auch ein direkter Anprall auf die Fahrbahn möglich wird. Ist die Verletzungsschwere bei einem Anprall auf die Fahrzeugfront von der Lage des Anprallortes auf dem Fahrzeug abhängig, so ist ein direkter Anprall auf die Fahrbahn stets mit schwersten Verletzungen verbunden. Der Versuch bestätigt damit, dass in diesem relativ geringen Geschwindigkeitsbereich bereits schwerste oder tödliche Folgen für den Radfahrer eintreten können und besondere Schutzmaßnahmen in den Bereichen Infrastruktur, Fahrzeug und Mensch notwendig sind, um diese zu vermeiden.