Gesundheitscheck für Senioren?

Im Blogbeitrag vom 16. Juli 2012 habe ich ja schon einige grundsätzliche Bemerkungen zum Thema Autofahren im Alter gemacht. In aller Kürze hier nochmal der Stand der Wissenschaft: Statistisch sind Senioren unter 75 Jahren völlig unauffällig. Danach ändern sich einige Parameter.

Besonders auffällig ist ihr Anteil als Hauptverursacher an den Unfällen, an denen sie beteiligt sind. Hier sind die über 75-jährigen mit rund 75 Prozent genauso „stark“ wie die 18 bis 24jährigen. Das ist eigentlich auch nicht verwunderlich, denn medizinisch und psychologisch gesehen gibt es deutliche Defizite in Bezug auf Fähigkeiten, die für sicheres Autofahren erforderlich sind:

Medizinisch:

  • In mehreren Studien fiel auf, dass die ins Auge gefassten Probanden, obwohl sie wussten, dass ihre Sehfähigkeit gut sein muss, den amtlichen Führerscheinsehtest teils deutlich nicht bestanden hätten. Den meisten war gar nicht bewusst, wie sehr die Sehkraft bereits nachgelassen hatte.

  • Das periphere Sehen, in der Fachsprache das „Useful field of view“ (UFOV), ist bei Senioren deutlich eingeschränkt. Geschehnisse außerhalb dieses Feldes werden nicht wahrgenommen.

  • Bewegungseinschränkungen führen dazu, dass die Rundumsicht nicht mehr gegeben ist. So konnten wir in einer Studie zeigen, dass Senioren den Schulterblick vernachlässigen.

  • Probleme mit Medikamentenwirkung können angenommen werden, zumal Senioren meist verschiedene Medikamente einnehmen, die zudem unabhängig voneinander von verschiedenen Ärzten verordnet wurden. Bisher gibt es jedoch keine Studien, die sich mit der Wechselwirkung von Medikamenten befasst haben.

Psychologisch:

  • Mit Inhibition bezeichnet man die Fähigkeit, in der momentanen Situation unwichtige Reize auszublenden. Studien haben klar gezeigt, dass Senioren diese für komplexe Entscheidungssituationen wichtige Fähigkeit zunehmend verlieren.

  • Probleme bei der Bewältigung sogenannter Mehrfachaufgaben gehören zu den am besten belegten Altersdefiziten.

  • Gleiches gilt für Probleme beim Wechsel zwischen verschiedenen Aufgaben.

Alle psychologischen Defizite betreffen die sogenannte fluide Intelligenz, die, im Gegensatz zur konstanten „kristallinen Intelligenz“ (z.B. Erfahrungswissen), ab etwa dem 35. Lebensjahr schleichend abnimmt. Die gute Nachricht: Studien belegen, dass sich dieser Prozess z.B. mit Gehirnjogging aufhalten lässt. Eine Broschüre dazu ist bei der UDV bestellbar. Fairerweise muss ich an dieser Stelle zugeben, dass bisher der konkrete Zusammenhang dieser bekannten Defizite mit der Unfallwahrscheinlichkeit nicht nachgewiesen wurde. Das liegt aber natürlich auch an methodischen Problemen.

Obligatorische Tests

Ich bin trotzdem für obligatorische Sehtests (allerdings für alle Altersgruppen), sowie für obligatorische Gesundheitschecks (für die allerdings zunächst die Kriterien festgelegt werden müssten) und für eine durch einen speziell geschulten Fahrlehrer begleitete Autofahrt für alle Senioren ab 75 Jahre. Der Grund ist ganz einfach: Die Probanden zeigen sich, ihre medizinischen und mentalen Probleme betreffend, immer wieder überrascht über ihre Defizite. Und meist hat sich ja auch kein Verwandter oder Freund getraut, es Ihnen zu sagen. Allerdings sollten die Ergebnisse dieser Tests absolut vertraulich bleiben. Nur der Proband sollte sie kennen und es soll vor allem keine Meldung an die Führerscheinstellen erfolgen. Nur dann können die Tests angstfrei absolviert werden. Die Ergebnisse helfen aber in jedem Fall, das Fahrverhalten anzupassen oder animieren idealerweise dazu, entsprechende Trainings zu absolvieren. Denn das ist ja die gute Nachricht: Neueste Forschungen zeigen, dass durch speziell entwickelte Übungen unter Begleitung von entsprechend geschulten Fahrlehrern (nicht zu verwechseln mit Fahrsicherheitstrainings) enorme Verbesserungen erzielbar sind.