Ablenkung durch Informations- und Kommunikationssysteme

Beim SMS-Schreiben, Telefonieren, Navigieren oder Radio einstellen, besteht für den Autofahrer die Gefahr, abgelenkt zu werden und nicht mehr adäquat auf das Verkehrsgeschehen reagieren zu können. Deshalb hat die Unfallforschung der Versicherer (UDV) den gegenwärtigen Forschungsstand zur Ablenkungswirkung von Informations- und Kommunikationssystemen (IKS) analysiert. 

Im ersten Schritt wurden derzeit im Pkw verfügbare und häufig genutzte IKS identifiziert. Das sind Navigationssysteme, Klimaanlage, Audio- und Telefoneinrichtungen. Im zweiten Schritt wurden empirische Studien zur Ablenkungswirkung dieser Systeme gesichtet.

Fall-Kontrollstudien, welche die Nutzung von IKS bei Fahrten mit und ohne Unfall vergleichen, wären am besten geeignet, um die Ablenkungswirkung zu ermitteln. Solche Studien sind derzeit nicht verfügbar. Daher wird in der Regel auf Fahrsimulatorstudien ausgewichen, bei denen die Teilnehmer in simulierten Fahrsituationen aufgefordert werden, sich mit IKS zu beschäftigen. Dabei wird der Fahrer in der Regel gebeten, sich so stark wie möglich auf die IKS Nutzung zu konzentrieren, ohne dabei die Fahraufgabe zu vernachlässigen. Im Vergleich zu einer Fahrt oder einer Teilnehmergruppe ohne IKS-Nutzung wird dann bestimmt, wie sich das Fahrverhalten bei der IKS-Nutzung verändert.

Die Metaanalyse, die die Ergebnisse verschiedener Fahrsimulationsstudien ab dem Jahr 2011 zusammenfasst, ergab folgende Ergebnissse:

Die deutlichste Beeinträchtigung des Fahrverhaltens findet sich beim Lesen und Schreiben von SMS, gefolgt von der Bedienung des Navigationssystems und des Telefons. Telefonieren selbst, die Suche von Titeln im Musikplayer sowie das Senden von SMS zeigen eine Beeinträchtigung des Fahrverhaltens im mittleren Bereich. Sowohl das Einstellen von Sendern am Radio als auch das Empfangen von SMS (ohne sie zu lesen) zeigt relativ wenig Beeinträchtigung.

Diese Ergebnisse lassen sich durch die unterschiedlichen Anforderungen, die die Bedienung von IKS an den Fahrer stellen, recht gut erklären. Beim Lesen und Schreiben von Textbotschaften muss der Fahrer auf das Mobilgerät schauen und es gleichzeitig mit der Hand bedienen. Diese Aufgabe lässt sich außerdem schlecht unterbrechen, da längere Sinneinheiten produziert bzw. aufgenommen werden. Das geht mit relativ langen Blickabwendungen von der Straße und einer hohen kognitiven Beanspruchung einher.

Ähnliche Anforderungen stellen die Bedienung des Telefons und des Navigationssystems. Allerdings sind diese Aufgaben in einer kürzeren Zeitspanne zu bewältigen, lassen sich eher unterbrechen und sind kognitiv einfacher. Beim Telefonieren selbst entfällt die Blickabwendung von der Straße, jedoch scheint die kognitive Beanspruchung relativ hoch zu sein. Im Ergebnis resultiert eine ähnliche Ablenkungswirkung wie bei der Musikauswahl oder dem Senden von Textbotschaften, die kognitiv wenig anspruchsvoll sind, aber mit kurzen Blickabwendungen von der Straße einhergehen. 

Die Unfallforschung der Versicherer zieht aus ihrer Studie folgendes Fazit:

  • Der gegenwärtige Stand der Forschung zeigt übereinstimmend, dass die Nutzung von Textnachrichten während des Fahrens am stärksten von der eigentlichen Fahraufgabe ablenkt. Allerdings wurden die Fahrer in den bisherigen Studien in der Regel gebeten, sich so stark wie möglich auf die Textnachrichten zu konzentrieren ohne die Fahraufgabe zu vernachlässigen. Unklar ist bisher, ob und wie Fahrer die Nutzung von Textnachrichten oder ggfs. ihr eigenes Fahrverhalten an die aktuelle Verkehrssituation anpassen, um eine Ablenkung und eine mögliche Gefährdung zu reduzieren. Diesen Fragen sollten zukünftige Studien nachgehen.

  • Die vergleichsweise geringe Ablenkung des Bordcomputers und aktuelle Entwicklungen bei der Gestaltung der Eingabemöglichkeiten im Fahrzeug zeigen, dass die Bemühungen der Fahrzeugindustrie um eine benutzerfreundliche Gestaltung der Mensch-Maschine Schnittstelle erfolgreich sind. Daher ist die Industrie aufgefordert, optimierte Schnittstellen auch für die Einbindung von mobilen Endgeräten in die Fahrzeugoberfläche anzubieten und ggf. die Nutzung von nicht eingebundenen Endgeräten im Fahrzeug durch technische Vorkehrungen zu unterbinden.

  • Bis das hoch- oder vollautomatisierte Fahren im Verkehr Alltag wird, sind noch grundlegende technische und rechtliche Probleme zu lösen. Da diese Fahrzeuge mittel- bis langfristig nur einen geringen Teil der Fahrzeugflotte ausmachen werden und auch mittelfristig nur einen sehr geringen Anteil der Fahrzeit tatsächlich autonom fahren werden (z.B. auf der Autobahn), wird die Nutzung mobiler Endgeräte den Fahrer in der verbleibenden Zeit bzw. in den herkömmlichen Fahrzeugen ebenso von der eigentlichen Fahraufgabe ablenken, wie das der gegenwärtige Forschungstand verdeutlicht.